„Ich schätze die familiäre Atmosphäre“ - Neue Schulleiterin des LUKAS Gymnasiums im Interview

Etwas mehr als hundert Tage ist sie jetzt im Amt - Claudia von Klitzing ist die neue Schulleiterin des LUKAS Gymnasiums. Als Oberstudienrätin eines staatlichen Gymnasiums wechselte sie zu Beginn des laufenden Schuljahres an die Schule in privater Trägerschaft in Bassum auf diese Position, die bei der Neuaufstellung des Bildungsträgers rings um das 15-jährige Bestehen geschaffen wurde. Im Interview schildert sie ihre Ziele und erste Eindrücke.

Frau von Klitzing, als neue Schulleiterin des LUKAS Gymnasiums sind Sie etwas mehr als  „hundert Tage“ im Amt. Welche Ideen möchten Sie im LUKAS Gymnasium weiterverfolgen oder neu umsetzen?

In der LUKAS Schule gibt es eine Realschule und ein Gymnasium unter einem Dach. So können etwa Schülerinnen und Schüler, die unsere Realschule nach der 10. Klasse mit einem erweiterten Sekundarabschluss I verlassen, nahtlos in die Einführungsphase der Gymnasialen Oberstufe übergehen und am LUKAS Gymnasium das Abitur machen. Hierfür soll es in Zukunft eine noch bessere Vorbereitung geben.

Ich möchte die Nähe der LUKAS Realschule und des LUKAS Gymnasiums nutzen für eine enge Kooperation, besonders in der 9. und 10. Klasse. Ich denke an Schnupperangebote für die Klassen 9 und 10, bei denen die Schülerinnen und Schüler einen Eindruck von den  gymnasialen Anforderungen bekommen können. Diese werden wohl außerhalb des normalen Schulvormittags am Nachmittag angeboten werden.

Ein zusätzliches Nachmittagsangebot klingt zunächst vielleicht nicht besonders attraktiv für Jugendliche. Wo lägen denn die Vorteile?

Was ich einfach bei dem 9./10. Klassen-Projekt gut finde, ist, dass eine Schülerin oder ein Schüler sich bewusst werden kann: „Schaffe ich das oder will ich das auch?“ Will ich also wirklich diese doch eher theoretischere, wissenschaftlichere Arbeitsweise des Gymnasiums erlernen? Möchte ich mir diese Art des Denkens aneignen, was mich dann die kommenden drei Jahre begleiten wird? Oder ist tatsächlich doch eher eine Ausbildung das Richtige für mich?

Für den Jahrgang 11, die sogenannte E11, werben Sie ja auch um Schüler von außerhalb. Wie soll die Arbeit in Ihrer Einführungsphase aussehen?

Die E11 des LUKAS Gymnasiums besuchen nicht nur Schülerinnen und Schüler unseres Gymnasiums, es kommen auch solche aus unserer Realschule und Schüler von den umgebenden Realschulen und Oberschulen sowie von anderen Gymnasien dazu. Das heißt, das Förderangebot, das wir in 9 und 10 vorgelegt hatten, müssen wir in der E11 ebenfalls noch einmal vorlegen.

Da die E11 schon relativ viel Nachmittagsunterricht hat, schwebt mir da ein Modell mit Modulcharakter vor. Hier würde in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch nachgearbeitet werden. Das wäre dann eine Öffnung für alle. Besonders für die Realschüler wäre das ein Angebot, dass sie dort Lücken schließen oder ihre Fragen loswerden können. Dort können wir dann auch individuell mehr planen.

Wie stellen Sie sich eine individuelle Beratung und Förderung denn vor?

Das wäre angelehnt an ein Lernbüro. Man berät einzelne Schüler individuell, schaut, was sie für Schwierigkeiten haben, bietet ihnen Materialien und ein Lermanagement an. Die Lehrkraft erklärt Inhalte nicht vor der ganzen Klasse, sondern ist dafür da, Arbeiten einzelner anzusehen und dann festzustellen, wo sind Stärken und wo sind Schwächen. Dies Angebot wäre natürlich für die gesamte E11 da.

Ein spezielles Zeitfenster für die Förderung früherer Realschüler böte sich zudem während der Praktikumszeit der E11, da ehemalige Realschüler ja bereits Betriebspraktika in 8 und 9 absolviert haben.  Hier könnte man komplett noch einmal verstärkt Unterricht anbieten. Allerdings würde diese Phase vor den Osterferien liegen, also doch relativ spät im Schuljahr. Daher kann das nicht die einzige Förderung sein. Die Begleitung müsste von Beginn an vorhanden sein.

Gibt es weitere Vorteile für Absolventinnen und Absolventen der Sek I, die in die Gymnasiale Oberstufe des LUKAS Gymnasiums gehen?

Die Gymnasiale Oberstufe des LUKAS Gymnasiums ist überschaubar und es herrscht ein familiärer Umgang. Die Schülerinnen und Schüler kennen sich gut und unterstützen sich gegenseitig. Und die Lehrkräfte haben die einzelne Schülerin oder den einzelnen Schüler im Blick.

Die 11. Klasse macht auch dann Sinn, wenn die Schülerin oder der Schüler vielleicht notenmäßig nicht so gut klarkommt. Es findet nach wie vor eine Berufsorientierung statt. Es wird beraten im Blick auf das Abitur, duale Studiengänge oder Möglichkeiten nach einer Fachhochschulreife. Dies kann die Motivation stärken oder neue Orientierung geben.

Welche Eindrücke haben Sie von der Mittelstufe des LUKAS Gymnasiums gewonnen? Warum sollten Eltern ihr Kind nach der Grundschulzeit bei Ihnen anmelden?

Für die Unter- und Mittelstufe des Gymnasiums kann ich vorerst sagen: Es sind kleine Klassen und eine individuelle Wahrnehmung des Einzelnen. Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich hier nur sagen: Das ist schön, wenn ich in eine 6. Klasse gehe und dann nach der ersten Doppelstunde alle Namen kenne. Das zeigt, dass ein familiärer Umgang herrscht.

Gerade für Kinder, die vielleicht in einem großen System Schwierigkeiten haben, ist die Situation an der LUKAS Schule eine gute Alternative. Es gibt Kinder, die bewältigen es relativ problemlos in den großen Schulen, aber es gibt auch Kinder, die ein gymnasiales Potential haben und es dort trotzdem einfach nicht schaffen. Die einfach mit dieser Anforderung an Selbstständigkeit nicht klarkommen. Und im großen System wird nicht so gut im Blick behalten, was der einzelne da kann und was nicht.

Ich muss noch mal nachfragen. Was meinen Sie konkret?

Es gibt Schüler, die hier auf dem Gymnasium von ihren Leistungen her gut aufgehoben sind, aber in anderen Schulen überfordert wären; allein schon von der Menge der Menschen, die in der Pausenhalle sind, von den komplizierten Wegen im Schulgebäude, davon, dass dort etwa sehr viel häufiger die Tische in den Klassenräumen umgestellt werden als hier und ähnlichem.

So kamen heute Schüler der 6. Klasse hier zu mir ins Schulleiterbüro und beschwerten sich, dass die Elftklässler immer ihre Tische umstellen würden und dass sie die doch bitte zurück stellen sollten. Hier wird also von den Großen auch Respekt gegenüber den Kleinen eingefordert.

Ist die Atmosphäre an der LUKAS Schule anders als an einem großen Gymnasium?

Die Schule ist von ihrer Schülerzahl so klein, dass sich die Kinder in einem Schulzweig untereinander kennen. Neben dem Kontakt in den Lernfamilien, haben die Kleinen keine große Scheu vor den Großen und umgekehrt. Die Jahrgänge mischen sich eher, weil es nicht so viele Schüler gibt.

Als neue Schulleiterin ist mir positiv aufgefallen, dass es einen vertrauten Umgang gibt. Kinder, die mich noch gar nicht kannten oder im Unterricht hatten, gingen ganz ohne Scheu auf mich zu. „Ich habe da mal ein Problem…“. Da habe ich mir dann das Problem angehört und mit den Schülern eine Lösung gesucht, sei es in Beziehungen untereinander oder im Konflikt mit Lehrern. Das ist so schön vertraut. D.h. die Kinder haben keine Angst, zu jemandem zu gehen und sich anzuvertrauen und sind aber gleichzeitig auch bereit, eigene Anteile zu erkennen.

Was ist ihr Traum? Was ist das Ziel Ihrer Arbeit am LUKAS Gymnasium?

Wir werden hier nicht alle Schüler bis zum Schulabschluss behalten können, sei es, weil sie wegziehen oder sie hier im Moment z.B. kein musisches-künstlerisches Profil in der GyO anwählen können. Und ich möchte gerne, dass die Schüler hier von der Schule gehen und Schulen in der Umgebung sagen „Oh, LUKAS Schule, wie toll.“ Das ist so mein Ziel, an dem  gerne auch in der Mittelstufe schon arbeiten würde.

Hier soll eine fachliche Qualität vermittelt werden und persönliche Entwicklung stattfinden können. In dem eher familiären Umfeld, das den Kindern und Jugendlichen Halt und ganz viel Geborgenheit bietet, sollen sie gestärkt werden. Sie sollen fit werden, dass sie dann in der Lage sind, sich in einer großen Schule – oder später an der Universität oder im Berufsleben - zu behaupten und die Wertschätzung, die wir ihnen mitgeben, zu übertragen.

Eine letzte neugierige Frage: Was war Ihre Motivation an die LUKAS Schule, in eine christliche Schule in privater Trägerschaft, zu gehen?

In der Schulleitung hier bietet sich für mich die Möglichkeit Schule zu gestalten und nicht eher mit vielen Verwaltungsaufgaben beschäftigt zu sein, wie es an einer großen staatlichen  Schule der Fall wäre. Ich möchte hier das Gymnasium mitentwickeln und aufbauen. Ich möchte mich dieser neuen Herausforderung stellen und habe den Eindruck, hier werde ich gebraucht – mit dem, was ich bisher gelernt und was ich mir angeeignet habe.

Ich empfinde es auch als zusätzliche Bereicherung, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die mit ähnlichen Werten und Glaubensvorstellungen Schule machen wie ich. Hier ist es möglich, auch sehr viel offener über den christlichen Glauben zu sprechen.

Ich freue mich auch auf eine Kontinuität und die Nähe zu den einzelnen Schülerinnen und Schülern. Ich finde es bereichernd, eine Klasse über einen längeren Zeitraum begleiten zu können. Wenn man eine Klasse in der 5 übernommen hat und viel gute Arbeit hineinsteckt, ist es einfach eine gute Vorstellung, sie nicht schon bald wieder abgegeben zu müssen und die Kinder in ihrer weiteren Laufbahn vielleicht nur noch mal in einem zweistündigen Fach wieder zu unterrichten.

Ich weiß, dass es unter Umständen auch problematisch ist, wenn eine Lehrkraft eine Klasse lange begleitet, aber es kann eben auch eine unglaubliche Bereicherung sein, eine Klasse so lange zu begleiten. Diese Möglichkeit gibt es hier am LUKAS Gymnasium.

Und es gefällt mir eben, dass es eine kleine Schule ist. Es ist familiär. Ich habe relativ schnell alle Kollegen kennen gelernt und kenne auch schon eine Reihe von Schülern mit ihren Schwierigkeiten und Besonderheiten.    

Danke für dieses Gespräch.